Das Recht der konfessionsverbindenden Paare auf Ökumene

Paradigmenwechsel im Verhältnis der Konfessionen zur konfessionsverschiedenen Ehe 25 Jahre nach 'matrimonia mixta'

Unsagbares Leid, das konfessionsverschiedenen Paaren oft von beiden Konfessionen durch Kirchenrecht und Kirchenordnung zugefügt wurde, fand am 1. Oktober 1970 mit dem päpstlichen Motuproprio "matrimonia mixta" einen endgültigen kirchenrechtlichen Abschluß. "Das mütterliche Herz der Kirche blutet um Hunderttausende von Kindern, die ihr verlorengehen", so lautete die Hauptanklage gegenüber konfessionsverschiedenen Ehen noch 1922. Doch eine Bewegung zur Anerkennung dieser Paare wurde bereits seit dem zweiten Weltkrieg wirksam und erhielt auf römisch-katholischer Seite wichtige Impulse durch das II. Vatikanische Konzil, in dessen Folge etwa Kardinal Döpfner im Deutschlandfunk schon alleine das Wort Mischehe als peinlich bezeichnete.

25 Jahre 'matrimonia mixta'

Vor 25 Jahren endete eine Praxis, die durch Exkommunikation und andere Kirchenstrafen letztlich versuchte, konfessionsverschiedene Christen zur Taufe der Kinder in der je eigenen Konfession zu erpressen, eine Praxis, die insbesondere römisch-katholischerseits bis Anfang der sechziger Jahre gängig war. Doch bis heute ist eine volle Gleichberechtigung konfessionsverschiedener Paare in den beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften in Deutschland nicht erreicht. So wird durch entsprechende Formulierungen im Eheprotokoll römisch-katholischerseits noch immer in Richtung einer Taufe der Kinder in der eigenen Konfession gedrängt, so werden auch in den reformatorisch-evangelischen Landeskirchen noch immer Pfarrer diskriminiert, deren Partner römisch-katholisch sind. Die Konfessionen handeln weiterhin so, als wäre die Konfessionsverschiedenheit die Ursache eines Problems und nicht die konfessionelle Spaltung, die von diesen Ehen zuallerletzt zu verantworten ist, Ausgangspunkt des Leidens dieser Paare an den Konfessionen.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Gerade die römisch-katholische Kirche war stets in Sorge wegen der sogenannten Mischehen. Die Vermischung der Bevölkerung nach den zweiten Weltkrieg brachte einen Anstieg dieser Ehen von unter 10 auf etwa 20% mit sich. Darum sah die römisch-katholische Konfession die Notwendigkeit einer Neuorientierung. Kirchenrechtlich war vor dem II. Vaticanum im Grunde die 'Mischehe' verboten. Wurde eine trotzdem solche Ehe eingegangen, mußten beide Partner versprechen, daß der römisch-katholische Partner nicht vom Glauben abfiel und alle Kinder römisch getauft und erzogen wurden. Weiterhin war der römisch-katholische Partner verpflichtet, die Bekehrung des reformatorisch-evangelischen zu betreiben. Ging er auf diese Forderungen nicht ein, wurde er exkommuniziert. Insbesondere als Reaktion auf diese Haltung erließen auch viele reformatorisch-evangelische Landeskirchen scharfe Gesetze. In dieser kirchenrechtlich verhärteten Situation brachte 'matrimonia mixta' Erleichterung für die Paare, indem es ein vorläufiges Kirchenrecht an Stelle der entsprechenden Paragraphen des alten Kirchenrechtes, des CIC 1917 setzte. Es wurde zwar immer noch von diesen Ehen abgeraten. 'matrimonia mixta' erkennt aber das "natürliche Recht des Menschen, eine Ehe zu schließen und Kindern das Leben zu schenken" auch für nicht konfessionshomogene Ehen an. Der Grundtenor dieser Reform: Die Kirchenstrafen wurden aufgehoben. Der römisch-katholische Christ mußte aber weiterhin versprechen nach Kräften alles zu tun, damit die Kinder alle römisch-katholisch würden, der Partner muß von diesem Versprechen unterrichtet werden. Die konfessionsverschiedene Ehe blieb aber weiterhin ein Ehehindernis, von dem dispensiert werden mußte.

Eine Folge des II. Vatikanischen Konzils

Durch die Öffnung des II. Vaticanum gegenüber anderen Kirchen waren für diesen endgültigen Schritt die Grundvoraussetzungen geschaffen worden, die zwangsläufig auch das 'Mischehengesetz' betraf. Die Gründe für die Änderung waren: die Anerkennung der veränderten Zeit, die hohe Zahl der 'Mischehen' und die Prinzipien des Konzils zu Ökumenismus und Religionsfreiheit. Erste offizielle Auswirkung war die Instruction 'matrimonii sacramentum' von 1966. Schon damals wurde das alte Kirchenrecht faktisch außer Kraft gesetzt, Exkommunikation aufgehoben. Die meisten Änderungen wurden dann 4 Jahre später mit 'matrimonia mixta' zur vorläufigen rechtliche Neuordnung. 1984 trat das neue Kirchenrecht, der CIC 1983, in Kraft. Es brachte jedoch faktisch keine Änderung gegenüber 'matrimonia mixta'. Zwar ist die konfessionsverschiedene Ehe nach dem CIC 1983 kein Ehehindernis mehr, eine Erlaubnis benötigt der römisch-katholische Partner aber trotzdem. Einzig der Unterschied zwischen Konfessionverschiedenheit und Religionsverschiedenheit wird deutlicher.

Fortschritte in der Seelsorge

Während sich römisch-katholischerseits kirchenrechtlich seit einem Vierteljahrhundert faktisch nichts mehr geändert hat, wurde in den seelsorgerlichen Veröffentlichungen ein Schritt weiter gegangen. Insbesondere in den gemeinsamen Schriften der deutschen Bischofskonferenz und der EKD wird zwar noch vor einem schwierigeren Weg mit größeren Belastungen gewarnt, nun aber nicht mehr grundsätzlich abgeraten. Damit wird der Anspruch von 'matrimonia mixta' umgesetzt, der Seelsorger solle zu den Geistlichen der anderen Konfession Kontakte aufnehmen und diese Beziehungen redlich, klug und vertrauensvoll pflegen. Auch der Anspruch, die 'Mischehengesetzgebung' könne nicht einheitlich sein, sondern müsse den verschiedenen regionalen und seelsorgerlichen Verhältnissen mit Recht, Liturgie und Seelsorge entsprechen, wird umgesetzt: Es existieren neben Ordnungen und seelsorgerlichen Ratschlägen gemeinsam verabschiedete Liturgien für die Feier der Trauung dieser Paare. Was aber bis heute in allen offiziellen Papieren vermieden wird, ist das Bekenntnis, daß die Probleme der konfessionsverschiedenen Ehe nicht Schuld der Paare, sondern Schuld der gespalten lebenden Konfessionen an den Eheleuten und ihren Kindern sind.

Belastendes

Mangels dieser Einsicht blieben Vorbehalte, die sich bis heute im Umgang mit der konfessionsverschiedenen Ehe halten: Die 'Mischehe', so 'matrimonia mixta' "trägt ja in die lebendige Zelle der Kirche, wie die Familie mit Recht genannt wird, eine gewisse Spaltung hinein.. Aus diesen Gründen rät die Kirche ... von Mischehen ab." Auch der gemeinsame Kommunionempfang bleibt ein Problem selbst bei der Trauung. Er wird befürwortet, aber nur gemäß dem CIC. Dies wird bis heute kirchenrechtlich weitgehend so ausgelegt, daß bei einer Brautmesse die Ehescheidung am Tisch des Herrn zeitgleich mit der Trauung vollzogen wird. Absurd demütigende Beispiele sind Brautmessen, bei denen die Partner hinter dem Rücken des katholischen Pfarrers die Hostie teilen mußten, was dann noch von den Pfarrern als gnädiger Umgang mit dem Gesetz ausgelegt wurde.

Konfessionsverschiedene Ehe 1995

Auch wenn sich inzwischen - Gott sei Dank - die Praxis der konfessionsverschiedenen immer weniger von der konfessionshomogener Ehen unterscheidet, bleiben Belastungen, die nach Region und Gemeinde variieren. Diese Belastungen werden um so größer, je glaubens-, kirchen-, konfessions- und gemeindenäher beide Partner leben. In den meisten Ehen hat dies nichts mit den Glaubensunterschieden zwischen den Partnern zu tun, die innerhalb aller christlicher Gemeinschaften ein Paar weit stärker trennen können, wenn der eine etwa dem sozialorientierten, der andere dem bekenntnisorientierten Flügel seiner Konfession angehört. Es sind typische Probleme von außen, die in einer formalen, nicht dem Evangelium gemäß verstandenen Konfessionszugehörigkeit ihre Ursache haben. Beleg dafür ist, daß Kirchensteuerzahler-Ehen derselben Konfession diese Art von Schwierigkeiten nicht haben, auch wenn der eine bekennender Christ, der andere überzeugter Atheist ist.

Problemfelder heute

Bevor man von Problemen heute spricht, muß man feststellen, daß 'konfessionsverschieden' oder 'konfessionshomogen' beim überwiegenden Teil der Eheschließungen ein weitreichender Indifferentismus gegenüber allem Konfessionellen herrscht. Damit bleibt unter allen Ehen im bundesweiten Schnitt ein kleiner Teil, der den christlichen Glauben mit seinem Ort in den existierenden Konfessionen ernst nimmt. Abgesehen von familiären Querelen, insbesondere um das Sippschaftsattribut der Taufe, ist dieser Teil von Problemfeldern der konfessionsverschiedenen Ehe weit entfernt. Wer jedoch unter diesem Vorwand die konfessionsverschiedene Ehe nicht als Problem wahrnimmt oder Gottesdienste mit Geistlichen beider Konfessionen ablehnt, der müßte derselben Logik nach gegenüber allen Ehen die Eheseelsorge und die kirchliche Trauung als ganzes abschaffen. Hier gilt es im Vorfeld ein neues Bewußtsein für die Bedeutung der christlichen Ehe, ja für die Bedeutung des Glaubens an Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi überhaupt zu wecken.

Problemfeld Verwandtschaft

Bis heute wird die konfessionsverschiedene Ehe von Eltern und Verwandten nicht gern gesehen. Verwandte, die normalerweise ihre Konfessionen höchstens noch am 24.12. aus der Nähe kennenlernen, machen aus der Bekenntniszugehörigkeit ein Sippschaftsattribut. Wenn schon konfessionsverschieden, dann ist es zumindest bei der nun kommenden Generation am wichtigsten, daß sie nicht der Konfession der anderen Sippe angehören, dann also lieber nicht getauft werden. Auch hinter diesem so weltliche Verhalten steht ein Grundproblem der Konfessionen. Daß sich beide große Glaubensgemeinschaften allzuoft als billige Zeremonienmeister mißbrauchen lassen, ohne den Glaubensinhalt von Kasualien intensiv genug zu vermitteln, ist eine Ursache dieses Umgangs mit dem Sippschaftsattribut.

Problemfeld Konfessionalismus

Doch auch von Seiten mancher Seelsorger beider Konfessionen wird noch heute um jedes Schäfchen gekämpft. Oft ist dabei die formale Konfessionszugehörigkeit, der Eintrag der Konfession in der Lohnsteuerkarte für Seelsorge vor der Trauung weit wichtiger als das Wissen um den gemeinsamen Glauben. Dieser Problembereich ist aber deutlich am Zurückgehen.

Problemfeld gemeinsame Trauung

Immer häufiger werden jedoch die Fälle, in denen eine Trauung unter Beteiligung von Geistlichen beider Konfessionen unter pseudoliberalen Argumenten verweigert wird. Dieses Verhalten reicht bis hin zum Vorgaukeln, die Konfessionen wären heute in der Praxis doch schon so nah beieinander, daß eine gemeinsame Trauung gar nicht nötig sei. Diese unheiligen Allianzen der Verweigerung gemeinsamer Trauungen manchmal durch ganze Dekanate sind faktisch ein Rückschlag in die ökumenische Steinzeit. Mit dieser Praxis bleibt wieder ein Ehepartner mit seinen Wurzeln schon bei der Trauung letztlich außen vor. Wieder einmal wird das Problem, daß die Konfessionen durch ihr Leben entgegen der Weisung des Evangeliums zur Einheit verursachen, auf dem Rücken der Paare ausgetragen. Ein Ende der gemeinsamen Trauung ist erst dann angebracht, wenn es nicht länger verschiedene Konfessionen, sondern nur noch die eine Kirche gibt.

Problemfeld Eheprotokoll

Ein weiterer Stein des ökumenischen Anstoßes ist nach wie vor das römisch-katholische Eheprotokoll, in dem einer konfessionsverschiedenen Ehe besondere Verpflichtungen auferlegt werden. Diese werden zwar von vielen Pfarrern weitherzig und ökumenisch ausgelegt. Sie bieten aber in der Praxis für viele ein Problem. Der katholische Partner muß unterschreiben, daß er in seiner Ehe als katholischer Christ leben und seinen Glauben bezeugen will. Konfessionsverschiedenen Paaren wird gerne Beliebigkeit im Glauben unterstellt, nur weil sie als Partner einen Menschen mit einer anderen Konfessionszugehörigkeit gewählt haben. Wieso wird diese Frage nicht auch an ein rein römisch-katholisches Paar gestellt? Angesicht der Tatsache, daß auch unter ihnen viele aus glaubensfernen Gründen kirchlich heiraten, sollten sich die Konfessionen fragen lassen, ob nicht der Wunsch nach kirchlicher Trauung zu wenig hinterfragt wird.

Taufe und Erziehung der Kinder

Der römisch-katholische Christ muß im Eheprotokoll versprechen, er werde sich nach Kräften bemühen, daß seine Kinder katholisch getauft und erzogen werden. Zwar werden in den Fußnoten zu dieser Frage Ergänzungen gemacht, die ökumenisch problemlos sind, die Frage selber ist es nicht. Und die Kirchenrechler der Ordinariate werden regelmäßig nach deren Auslegung gefragt. Der Verdacht, das Protokoll wolle durchaus mit seiner Formulierung weiter den Eindruck erwecken, die Kinder müßten eigentlich schon römisch-katholisch getauft und erzogen werden, ist bis heute nicht glaubwürdig widerlegt worden. Außerdem ist auch hier die Frage zu stellen, warum diese Frage nicht auch an rein römisch-katholische Paare gestellt wird. Bei ihnen wird als selbstverständlich vorausgesetzt, daß diese Paar die Kinder taufen lassen und auch dementsprechend erziehen, was empirisch jede Realität verhöhnt. Auch hier ist wieder die Frage zu stellen, was konfessionsverschiedenen Paaren eigentlich alles indirekt unterstellt wird. Natürlich ist die Frage nach der Taufe der Kinder in einer konfessionsverschiedenen Ehe zentral und wichtig. Sie sollte unbedingt vor der Ehe geklärt werden, sonst trägt man eine Zeitbombe mit sich herum. Akzeptiert man konfessionellerseits aber beide Partner als Christen, so müssen die beiden eine Gewissensentscheidung im Angesicht Gottes und nicht angesichts konfessioneller Interessen treffen.

Gemeinschaft am Tisch des Herrn

Was vor Gott eins ist, wird am Tisch des Herrn immer noch getrennt. An diesem Punkt zeigt sich die Zerrissenheit der Christenheit am tiefsten und schmerzlichsten, auch wenn mancherorts faktisch eine eucharistische Gastfreundschaft regelmäßig insbesondere für konfessionsverschiedene Ehen praktiziert wird, zum Segen der Paare und der Gemeinde. Durch das römisch-katholische Kirchenrecht wird sie nicht gedeckt und so ist diese Praxis völlig vom Gemeindepfarrer und seinen Vorgesetzten abhängig. Zum reformatorisch-evangelischen Abendmahl wird seit dem gemeinsamen Wort "Den Sonntag feiern" von 1984 eingeladen. Dies gilt besonders für konfessionsverschiedene Paare. Der Einladung zur römisch-katholischen Kommunion steht immer noch das Amts- und Kirchenverständnis im Weg, das in nächster Zeit auch nicht zu überwinden sein wird. Dieser Praxis gegenüber steht, wie es das II. Vaticanum formulierte, die Ehegemeinschaft als 'Hauskirche', Ehe und Familie erscheinen als die kleinste Zelle von Kirche. Auf dieser Basis zeigt Prof. Peter Neuner einen Weg der konfessionsverschiedenen Paare zum Herrenmahl. Das Wort von der Ehe als 'Hauskirche' ist unabhängig von der konfessionellen Zugehörigkeit der Ehepartner. Auch die konfessionsverschiedene Ehe ist Sakrament und muß darum als Hauskirche verstanden werden. Wenn schon gemäß der römisch-katholischen Lehre Kirchengemeinschaft Voraussetzung für Eucharistiegemeinschaft ist, dann ist diese Gemeinschaft in der Ehe als 'Hauskirche' vorhanden. Neuner geht noch einen Schritt weiter: "Und für Kirche ist nach katholischer Grundüberzeugung Eucharistie unverzichtbar und konstitutiv. Diese Überlegung könnte einen Weg eröffnen, wie die katholische Kirche in voller Treue zu ihren dogmatischen Grundsätzen eine Eucharistiegemeinschaft auch in konfessionsverschiedenen Ehen und Familien für legitim erachten könnte." Damit ist, um den Gedanken Neuners weiterzuführen, die Eucharistiegemeinschaft auch für die konfessionsverschiedene Ehe als Hauskirche nicht nur legitim, sondern notwendig. Wo sie vorenthalten oder erschwert wird, dort schädigen die Konfessionen die christliche Ehe.

Konfessionsverschiedene Paare im kirchlichen Dienst

Auch am Umgang der Konfessionen mit konfessionsverschiedenen Paaren im kirchlichen Dienst erkennt man, daß eine volle Anerkennung der konfessionsverschiedenen Ehe und der Taufe in der Partnerkonfession noch ein Objekt von Sonntagsreden ist. Diese Paare gibt es, aber sie werden als Ausnahmen gehandelt und durch besondere Bedingungen diskriminiert. Diese Bedingungen sind teilweise derart ungeistlich, daß viele Betroffene freiwillig auf ein Amt verzichten oder auf Veranlassung der Konfessionen den Partner zur Konversion pressen. Nahezu immer ist die Taufe der Kinder in der eigenen Konfession unumgängliche Bedingung. Was soll ein Paar tun, bei dem beide Partner in den kirchlichen Dienst gerufen sind? Einer muß auf seinen Beruf und seine Berufung verzichten. An dieser Haltung sieht man, daß konfessionsverschiedene Paare nicht als normale Paare betrachtet werden. Es ist für einen reformatorisch-evangelischen Pfarrer einfacher, mit einem Kirchensteuer zahlenden Atheisten verheiratet zu sein, als mit einem römischen Katholiken, der bewußt den einen gemeinsamen Glauben an den dreieinigen Gott lebt. Dieses Verhalten disqualifiziert alle offiziellen Reden über die Chance der konfessionsverschiedenen Ehe zum leeren Gerede, ja, zur Augenwischerei.

Paradigemenwechsel im Verhältnis der Konfessionen zu den konfessionsverschiedenen Paare

Wenn die Christinnen und Christen zumindest der in der ACK, der 'Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen' vertretenen Konfessionen einander - Gott sei Dank - nicht länger gegenseitig von vornherein den christlichen Glauben absprechen, sondern einander als Teile des einen Leibes Christi anerkennen, dann ist jede Ehe zwischen zwei Christen nach den gleichen Maßstäben zu bewerten, ob sie nun konfessionshomogen oder konfessionsverschieden ist. Letztere "trägt ja in die lebendige Zelle der Kirche, wie die Familie mit Recht genannt wird, eine gewisse Spaltung hinein", so der Anspruch von 'matrimonia mixta'. Nur: wer trägt denn in die kleinste Zelle der Kirche, die Hauskirche, die Familie, die konfessionsverschiedene Ehe die Spaltung hinein? Doch nicht diese Ehen! Sie haben die Spaltung zuletzt zu verantworten. Sie leben vielmehr - dort wo sie ihr Christsein und ihre Konfessionen Ernst nehmen - weit mehr die eine Kirche, den ein Leib Christi. Sie leben weit mehr katholisch - also allumfassende Gemeinschaft -, weit mehr evangelisch - also der Verheißung des Evangeliums zur Einheit gemäß. Sie leben konfessionsverbindend die eine Kirche. Die Teilkirchen der - so Gott will - künftig einen Kirche aber, die Konfessionen, tragen die Spaltung in die konfessionsverschiedenen Ehen. Sie werden so an den konfessionsverschiedenen Ehen schuldig, etwa in dem sie ihnen zusätzliche Belastungen aufbürden, bis hin zur Ehescheidung am Tisch des Herrn. Sie zerstören somit die Hauskirche. Sie werden schuldig bis zum Berufsverbot im kirchlichen Dienst, während kirchensteuerzahlende Atheisten durchaus mit dem nicht unberechtigten Argument als Ehepartner geduldet werden, daß man sie nicht einer inquisitorischen Glaubensuntersuchung unterwerfen kann. Die zusätzlichen Belastungen der konfessionsverschiedenen Ehe sind eine Folge der Sünde der Spaltung. Dies ist zumindest gegenüber der offiziellen Praxis der Konfessionen nicht weniger als ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel bei der Beurteilung, wer den eigentlich spaltet, wer schuldig wird, wer Opfer ist.

Das Recht der konfessionsverbindenden Ehe auf Ökumene

Wenn aber die konfessionsverschiedenen Paare Opfer eines Fehlverhaltens der Konfessionen sind, weil diese nicht die Einheit leben, dann können zumindest diejenigen Paare, die konfessionsverbindend leben, von den Konfessionen erwarten, daß sie mit aller Kraft daran arbeiten, die Trennung zu überwinden. Denn diese Paare haben ein Recht zumindest auf soviel Ökumene, daß sie voll und ganz ihr Dasein als Hauskirche, ihre Existenz als Glieder im untrennbarer Leib Christi leben können, egal ob sie in Berlin oder auf einem kleinen konservativem Dorf mit einem Pfarrer leben, der den CIC dem Buchstaben getreu erfüllt. Dies ist nicht nur ein Anspruch an die römisch-katholische Teilkirche der künftig einen Kirche, sondern auch an die Landes- und Freikirchen, an alle Bekenntnisgemeinschaften. Denn Ökumene, die über zeitweilige Aktionsbündnisse und ein 'Seid-Nett-Zueinander' auf Gemeindeebene hinausgeht, ist alles, nur nicht selbstverständlich. Und die jahrzehntelange Arbeit von Kommissionen ist theologisch wichtig, sie ist aber kein Ersatz für das Bemühen, von ganzem Herzen die Einheit zu wollen, sei es bei den konfessionellen Funktionsträgern, sei es unter den Theologen, sei es in der Gemeinde. Ein solches ökumenisches Engagement sind die Konfessionen aber den konfessionsverbindenden Paaren schuldig. Die viel zitierte Geduld, die gerade die konfessionsverschiedenen Paare mit den Verantwortlichen haben sollen, deklassiert sich nach 25 Jahren 'matrimonia mixta' zur Ausrede. Der Anspruch, diese Paare müßten das Kreuz der Spaltung tragen, wirkt zynisch, wenn die Einheit der Kirche nicht zentrales Ziel aller Bemühungen der Konfessionen ist. Sie haben von den konfessionsverbindenden Paaren deshalb nichts zu fordern, sie können aber von denen, die schon heute im Alltag konfessionsübergreifende Kirche leben, vieles lernen und empfangen. Denn diese Paare haben nicht nur einen Anspruch auf Ökumene, sie haben die Chance, eine Vision von Ökumene zu leben und damit einen prophetischen Auftrag.

Beate und Jörg Beyer (1995)

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