Was bedeutet die interkonfessionelle Ehe und Familie für die Ökumene?

Vortrag bei der Jahrestagung 2000 von Netzwerk Ökumene - konfessionsverbindender Paare und Familien in Deutschland

von Beate und Jörg Beyer

1. Vorwort

Liebe Geschwister in dem einen Herrn, wenn sich konfessionsverbindende Paare aus ganz Deutschland mit dem Anspruch versammeln, Maßstab und nicht Last für die Kirche zu sein, dann gilt es dies auch theologisch zu reflektieren. Wir werden dies als konfessionsverbindendes Paar sicher anders - ich betone anders, nicht besser - tun als mancher 'reine' Theologe in der Nüchternheit und Abgeschiedenheit der Studierstube: Als Betroffene, die einen hohen Preis für ihre Konfessionsverschiedenheit zahlen mussten, die sich aber von Gott auf diesen Weg gewiesen wissen. Somit werden wir nicht kirchenpolitisch verklausuliert, sondern im Klartext reden. Wir möchten dies tun in dem Wissen, dass in 30 Minuten nur eine Skizze entstehen kann, die Skizze einer Antwort auf die Frage-Stellung: Was bedeutet die interkonfessionelle Ehe und Familie für die Ökumene?

2. Begriffsklärungen und Vorbemerkungen

Vorab einige Begriffsklärungen: Unter Kirche verstehen wir dem neutestamentlichen Wort ekklhsia folgend die Gemeinschaft aller Christen, wobei der auferstandene Christus entscheidet, wer Christ ist und nicht irgendwelche konfessionellen Funktionäre. Diese Gemeinschaft existiert vor Ort und global. Im Sinne von verschiedenen Ortskirchen kann also durchaus Kirche in der Mehrzahl erscheinen, ein Plural für mehr oder weniger konkurrierende Gruppen von Christen ist dagegen sowohl vom Begriff her als auch vom paulinischen Gedanken des Leibes Christi her absurd. Hier ist der Begriff Konfession im Gegensatz zu Kirche angebracht. Die Existenz von Konfessionen spiegelt die in der Geschichte wirksam gewordene Schuld der Menschen und ihre Unfähigkeit wieder, gemeinsam dem Evangelium nachzufolgen. Ihre Existenz ist trotzdem theologisch vertretbar, da ohne sie keine Räume verbindlicher Gemeinschaft von Christen bestehen. Dies setzt aber voraus, dass die real existierenden Konfessionen ihre Vorläufigkeit, ihre Verpflichtung zur Einheit und die Existenz von Christen auch außerhalb ihres institutionellen Rahmens anerkennen. Der beständige Versuch diese Vorläufigkeit mehrerer Konfessionen und die damit verbundene Spaltung zu überwinden, ist die Ökumene. Ziel von Ökumene ist es, die Gemeinschaft derer sichtbar zu machen, für die durch Gottes Gnade Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi zur Lebensgrundlage geworden ist. Dies geschieht in der gemeinsamen Gottesbeziehung, im Leben dieser Gemeinschaft und in der kritischen Reflektion dieses Glaubens und Handelns in Verantwortung vor Gott, der ökumenischen Theologie. Wir möchten auch darauf hinweisen, dass wir die Worte konfessionsverschieden, konfessionsverbindend und - als neutraler Ausdruck - interkonfessionell sehr bewusst unterscheiden. Schließlich möchten wir noch vor einer jeglichen auch nur angedeuteten Vermischung der Begriffe Konfession und Religion ebenso dringend warnen, wie vor der Anwendung des Begriffes Ökumene auf den interreligiösen Dialog. Gleichermaßen gilt es interkonfessionelle und interreligiöse Ehe grundsätzlich zu unterscheiden.

3. Eine deutsche Perspektive

Außerdem steht dieser Vortrag in einem deutschen Kontext. Die konfessionelle Situation in Deutschland ist durch die Existenz zweier großer Volkskonfessionen mit starker gesellschaftlicher und institutioneller Verankerung - die mit römisch-katholischer und überwiegend lutherischer Prägung nicht allzu weit voneinander entfernt sind - und eine Zahl beträchtlich kleinerer Freiwilligkeitskonfessionen gekennzeichnet. Die konfessionelle Durchmischung ist aus historischen Gründen besonders stark: so sind interkonfessionelle Ehen ein Normalfall. Deshalb hat das Land von Reformation und Kirchenspaltung auch seine besondere Aufgabe auf dem Weg zur Einheit.

4. Wertung der interkonfessionellen Ehe

Die Christinnen und Christen zumindest der in der ACK, der �Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen', vertretenen Konfessionen sprechen einander - Gott sei Dank - nicht länger gegenseitig von vornherein den christlichen Glauben ab. Sie anerkennen einander als Teile des einen Leibes Christi. Deshalb ist jede Ehe zwischen zwei Christen nach den gleichen Maßstäben zu bewerten, ob sie nun konfessionshomogen oder interkonfessionell ist. Die Anfrage formuliert die römische Enzyklika 'matrimonia mixta' von 1971: Die interkonfessionelle Ehe "trägt ja in die lebendige Zelle der Kirche, wie die Familie mit Recht genannt wird, eine gewisse Spaltung hinein". Nur: wer trägt denn in die kleinste Zelle der Kirche, die Hauskirche, die Familie, die interkonfessionelle Ehe die Spaltung hinein? Doch nicht diese Ehen! Sie haben die Spaltung zuletzt zu verantworten. "Sie werden sein ein Fleisch," (l. Mose/Genesis 2,24): Diese Verheißung gilt für sie, sie sind Hauskirche, kleinste und verbindlichste Gemeinschaft von Christen und sie sind Vorreiter der Einheit, sofern sie ihre Konfessionen ernst nehmen. Sie sind weit mehr die eine Kirche, der Leib Christi, als der gespalten lebende Rest. Sie leben weit mehr katholisch - also allumfassende Gemeinschaft -, weit mehr evangelisch - also der Verheißung des Evangeliums zur Einheit gemäß. Sie können wie niemand anderes konfessionsverbindend die eine Kirche leben. Doch auf dem Papier wird ihre Funktion auf dem Weg zur Einheit zwar anerkannt, die Praxis bleibt aber weitgehend in der Halbherzigkeit von Veröffentlichungen stehen.

5. Die Frage der Schuld

Die Teilkirchen der - so Gott will - künftig einen Kirche aber, die Konfessionen, tragen durch ihre eigene Spaltung eine Trennung in die interkonfessionellen Ehen. Sie werden so an den konfessionsverschiedenen Ehen schuldig, etwa in dem sie ihnen zusätzliche Belastungen aufbürden, bis hin zur Ehescheidung am Tisch des Herrn. Sie zerstören somit die Hauskirche. Sie werden schuldig bis zum Berufsverbot im kirchlichen Dienst, während kirchensteuerzahlende Atheisten durchaus mit dem nicht unberechtigten Argument als Ehepartner hauptamtlicher Mitarbeiter der Konfessionen geduldet werden, dass man sie nicht einer inquisitorischen Glaubensuntersuchung unterwerfen kann. Diese zusätzlichen Belastungen der konfessionsverschiedenen Ehe sind eine Folge der Sünde der Spaltung der Konfessionen.

6. Der Anspruch der konfessionsverbindenden Ehe an die Konfessionen

Wenn aber die interkonfessionellen Paare unter einem Fehlverhalten der Konfessionen leiden, weil diese nicht die Einheit leben, dann können zumindest diejenigen Paare, die konfessionsverbindend leben, von den Konfessionen erwarten, dass sie mit aller Kraft daran arbeiten, die Trennung zu überwinden. Denn diese Paare haben ein Recht zumindest auf soviel Ökumene, dass sie voll und ganz ihr Dasein als Hauskirche, ihre Existenz als Glieder im untrennbaren Leib Christi leben können. Und dies gilt unabhängig davon, ob sie in Berlin oder auf einem kleinen konservativem Dorf mit einem Pfarrer leben, der den CIC, das katholische Kirchenrecht, dem Buchstaben getreu erfüllt oder meint, die evangelische Allianz sei die einzige Form der Ökumene.

7. Die interkonfessionelle Ehe als ein Grundmaßstab (Paradigma) der Ökumene

In letzter Konsequenz ergibt sich die Forderung, dass die real existierenden Konfessionen Verhältnisse zu schaffen haben, bei denen konfessionsverbindende Paare keinerlei Zusatzbelastungen durch die Sünder der Spaltung erleiden müssen, in der die Konfessionen entgegen dem Willen des Auferstandenen Herrn Jesus Christus leben. Damit definiert die Existenz konfessionsverbindender Ehen einen Rahmen und eine Zielsetzung für sämtliche ökumenischen Bemühungen. So bleibt die Frage nach den Hauptproblemfeldern mit dem Ziel, die Konfessionen mögen diese beseitigen.

8. Die Haupt-Problemfelder und ihre Wertung

8.1. Gemeinsame Trauriten:

Es gibt verschiedene Riten zur gemeinsamen Trauung insbesondere zwischen der reformatorischen und der römisch-katholischen Konfession. Unter den Freiwilligkeits-Konfessionen ist insbesondere die Evangelisch-Methodistische Konfession Teil dieses Prozesses. Trotzdem existiert bis heute nur in Baden auf offizieller Ebene ein Trauritus der in beide Kirchenbücher eingetragen wird, den Formvorschriften beider Konfessionen genügt - was insbesondere für kirchliche Mitarbeiter eine Existenzfrage ist. Außerdem werden in vielen Regionen interkonfessionelle Paare durch Pfarrer schikaniert, die sich teilweise sogar auf Dekanatsebene geeinigt haben, keine ökumenischen Trauungen durchzuführen: Mit Argumenten wie "die wollen es doch nur besonders feierlich" wird wieder einmal die Sünde der Konfessionen auf dem Rücken der Paare abgeladen.

8.2. Der gemeinsame Gottesdienst-Besuch:

Der gemeinsame Besuch des Gottesdienstes durch ein interkonfessionelles Paar ist heute kirchenrechtlich kein Problem und wird auch in vielen Regionen als Normalfall akzeptiert. Es gibt aber noch genügend Regionen, in denen der soziale Druck innerhalb christlicher Gemeinden Paare daran hindert, den gemeinsamen Gottesdienstbesuch als Normalfall zu praktizieren. In eine ähnliche Richtung stoßen Bemühungen, den regelmäßigen Gottesdienstbesuch nur in der eigenen Gemeinde zu werten, etwa wenn gerade im freikonfessionellen Raum Partner interkonfessioneller Ehen regelmäßig darauf angesprochen werden, warum sie letzten Sonntag nicht im Gottesdienst waren, obwohl bekannt ist, dass sie mit ihrem Partner dessen Konfession besucht haben.

8.3. Das Herrenmahl

Hier liegt weiterhin der problematischste Bereich des Miteinanders in einer interkonfessionellen Partnerschaft: Das katholische Kirchenrecht, der Codex luris Canonici, von 1983 untersagt gleichermaßen die Teilnahme des evangelischen Partners an der katholischen Eucharistie wie auch die Teilnahme katholischen Partners am evangelischen Abendmahl. Es gibt Ausnahmen, sie sind aber durch ihren Hintertür-Charakter für eine theologische Bewertung nicht relevant: Wir können mit gutem Gewissen zusammenfassen: Das katholische Kirchenrecht von 1983 vollzieht die Ehescheidung am Tisch des Herrn. Theologisch wurden längst verschiedene andere Wege in Verantwortung insbesondere vor den Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils über die Kirche und über die Verantwortung des einzelnen Christen vorgestellt. Hier kann der Ansatz von Peter Neuner kaum überbewertet werden: Gemäß dem 2. Vaticanum ist jede Ehe zwischen Christen - auch zwischen Christen aus zwei Konfessionen - eine Art Hauskirche, somit kleinste Lebensform von Kirche. Damit ist die Gemeinschaft am Tisch des Herrn nicht nur möglich, sondern nötig.

Die Praxis ist von Pfarrer zu Pfarrer ebenso unterschiedlich wie von Bistum zu Bistum: Vielerorts ist eine freundliche Duldung, ja sogar die direkte, herzliche Einladung an alle Christen, die es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, lebendige Praxis. Es gibt Diözesen, in denen die gemeinsame Herrenmahlspraxis für konfessionsverbindende Paare gang und gäbe ist. Es gibt aber auch Diözesen, in denen angesichts der restriktiven Haltung des Bistums kaum ein Pfarrer zu einer solchen Praxis zumindest gegenüber konfessionsverbindenden Paaren bereit ist. Und leider haben diejenigen, die die Ehescheidung am Tisch des Herrn praktizieren, das Kirchenrecht auf ihrer Seite. Auch der öfters geäußerte Verweis, ein interkonfessionelles Paar möge doch mit Rücksichtnahme auf den Geistlichen auf die eucharistische Gemeinschaft in Christus verzichten, grenzt schon an Zynismus: Gerade wenn wir das Amtsverständnis der römisch-katholischen Konfession zugrunde legen, könnte man mit der selben Logik in biblischer Sprache sagen: Die Schafe sollen gut auf die Hirten aufpassen und sie beschützen, damit den Hirten nichts passiert.

8.4. Taufe

Die Taufe der Kinder ist heute formal kein Problem mehr, auch wenn die Bistümer der Deutschen Bischofskonferenz durch die unpräzise Formulierung des Ehe-Protokolls suggerieren, dass Kinder einer interkonfessionellen Ehe römisch-katholisch erzogen werden müssten. Wir unterstellen dass diese Formulierung nicht zufällig so gewählt wurde und verweisen als Gegenbeispiel auf das vergleichbare Formular der römisch-katholischen Konfession in der Schweiz. Außerdem besteht alleine durch die Existenz von Konfessionen der Druck zu einer Entscheidung - zumindest unter der Voraussetzung, dass auch nach unserer Überzeugung eine Doppeltaufe weder sinnvoll noch theologisch zu verantworten ist. Damit wird ein interkonfessionelles Paar von vornherein in eine Situation gebracht, der ein konfessionshomogenes nicht ausgesetzt ist. Die vermeintlich pastorale Antwort: "Die sollen sich doch entscheiden und das Familienlamento außen vor lassen" ist wiederum einer der für die Situation typischen Zynismen, mit denen die Verpflichtung zur Lösung des Problems von den Tätern zu den Opfern verlagert wird. Auch hier werden Folgerungen für ökumenische Zielsetzungen später zu erörtern sein.

8.5. Kirchliche Mitarbeiter

Hier gibt es weiterhin massive Probleme. Um nur ein - auch persönlich erfahrenes Beispiel - zu nennen. Ein reformatorischer Theologe, eine Theologin, die mit einem römisch-katholischen Mitarbeiter verheiratet ist, kann in den meisten Landeskirchen mit dem Argument auf 'einen Fehler in jungen Jahren' eher seinen Partner mitsamt Kindern sitzen lassen, um sich einen anderen Partner zu suchen, als mit Rücksichtnahme auf die Konfession seines ebenfalls von seiner Konfession erpressten Partners katholische Kinder zu haben.

8.6. Gemeindebezug

Solange es noch Konfessionen und Denominationen gibt, solange Christinnen und Christen in verschiedenen menschlichen Versuchen Kirche zu sein, sie sichtbar zu machen, nebeneinander her leben, bleiben für die davon betroffenen Paare und insbesondere die Kinder zwei Möglichkeiten: Entweder der eine kapituliert und verzichtet auf sein konfessionelles Leben oder es bleibt eine Zerrissenheit und Heimatlosigkeit, weil man überall und doch nirgends zuhause ist. Dies gilt auch dort, wo in beiden Gemeinden bester Wille, bestes ökumenisches Miteinander herrscht.

9. Szenarien

Wir wollen nun unter den Gesichtspunkten der theologischen Aufgabenstellung an die Ökumene und der Analyse der Problemfelder die grundlegenden Szenarien der Ökumene, insbesondere der Ökumene vor Ort, darstellen und im Sinn der bisherigen Erörterungen bewerten.

9.1. Gegeneinander

Gott sei Dank: Die Zeiten, in denen in mancher schwäbisch-pietistischen Ortschaft an Fronleichnam die Katholiken mit allem möglichen beworfen wurden oder im Bayerischen mancherorts am Buß- und Bettag der evangelische Kirchweg mit Mist bestreut wurde, weil man jeweils den Leibhaftigen im andern vermutete, sie sind Vergangenheit. Doch die dahinter stehende innere Einstellung ist durchaus noch bei manchem gegenwärtig, auch bei Christen, von denen man dies gar nicht erwartet: So erinnere ich mich an einen Vortrag, den vor einigen Jahren der reformierte Lutherforscher Prof. Dr. Heiko Oberman in einer Gemeinde hielt, in der ich regelmäßig predige. Als einen der vier wichtigsten Grundsätze Luthers für heute, also die 90er Jahre, nannte er: "Wider das Papsttum zu Rom, gestiftet vom Teufel". Und der Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät in Tübingen, Prof. Dr. Volker Drehsen, beschrieb den Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Predigt kürzlich, dass erstere die Bibel wiedergebe, letztere nur die Kirchenlehre. Und das in einer Situation, in der sich beispielsweise die evangelische Landeskirche in Württemberg zu keinerlei Konsens über die Bedeutung von Kreuz oder Auferstehung einigen kann. Und die Ansätze von Dybas, Ratzinger und opus dei sind ein Pendant dazu, ebenso wie die radikale Satanisierung des kompletten Katholizismusses durch manche Freiwilligkeitskonfession, die die gesamte römisch-katholische Konfession mit dem Begriff der "Hure Babylons" aus der Offenbarung belegen.

9.2. Unfreundliches Nebeneinander

So ist ein unfreundliches Nebeneinander, dass von einer sektiererischen Gottlosigkeit und Kleingeisterei geprägt ist, noch immer in manchen christlichen Kreisen gängig, oft in Verbindung mit einer Selbstherrlichkeit, die der Anleitung des Evangeliums zur Selbstkritik Hohn spottet. Gnade Gott den konfessionsverbindenden Paaren, die unter solchen Verhältnissen in einer Gemeinde leben. Hier sind auch die Leitungen der Konfessionen gerufen, Grenzen zu setzen und ein entsprechendes Verhalten, etwa Angriffe gegen den Partner der anderen Konfession oder den Versuch, den konfessionsfremden Partner zur Konversion zu nötigen, öffentlich in aller Deutlichkeit als unchristlich zu brandmarken.

9.3. Desinteressiertes Nebeneinander

Doch ein anderes Szenario ist heute eigentlich Normalfall: "Tu mir nichts - ich tu dir auch nichts" und ansonsten hat jeder ein derartig gefülltes Programm, dass für die Gemeinschaft der Konfessionen einfach keine Zeit mehr übrig bleibt. Dass es interkonfessionelle Paare gibt, wird weitgehend mit dem Argument ignoriert, "Dass das heute doch kein Problem mehr sei". Aus unserer ökumenischen Arbeit können wir aber nur eine Erfahrung wiedergeben: Gerade auch in solchen Gemeinden haben interkonfessionelle Paare Probleme, fühlen sich allein gelassen, ziehen sich zurück und gehen für die Gemeinschaft der Christen verloren.

9.4. Freundliches Nebeneinander

So ist ein freundliches Nebeneinander die minimale Voraussetzung für ein positives Umfeld für interkonfessionelle Paare und Familien: In diesen Gemeinden, der zweiten großen Gruppen der Gemeinden heutzutage, findet die eine oder andere gemeinsame Veranstaltung statt, es wird ab und zu von Ökumene geredet, aber letztlich ist jede Gemeinde im Alltag derart mit sich selbst beschäftigt, dass die Gemeinsamkeit nur oberflächlich ist. In solchen Gemeinden, in einem solchen geistlichen Umfeld, werden allerdings vielfach bewusst oder eben im Zug des freundlichen Miteinanders auf interkonfessionelle Paare gezielt berücksichtigt: Der gemeinsame Gottesdienstbesuch wird positiv gesehen, eine Mitarbeit in der jeweils anderen Gemeinde wird akzeptiert, teilweise ist - insbesondere abhängig von der jeweiligen Diözese - auch die Gemeinschaft am Tisch des Herrn möglich. Letztlich entscheidend ist - Amtsverständnis hin, Synodalverfassung her - das Verhältnis der Pfarrer zueinander und die Toleranz der Gemeinde-Honoratiorinnen und Honoratioren. Eigentlich sollte das freundliche Nebeneinander heute der Minimalzustand in einer christlichen Gemeinde sein. Da jedoch gemeinsame Ereignisse von Gottesdienst bis Jungschar die Ausnahme sind - jeder ist ja so beschäftigt, dass man nicht einmal merkt, dass man so auch Arbeit sparen kann - bleibt die Erfahrung eines Lebens in zwei Welten - mit allen Problemen beispielsweise beim Gemeindebezug.

9.5. Begrenztes Miteinander

Das begrenzte Miteinander ist heute die beste Voraussetzung, die sich innerhalb der Kirche finden lässt. In einem solchen Umfeld herrscht eine echtes Bewusstsein für das Gemeinsame - mit der Konsequenz, dass - meist durch einen Ökumenekreis - systematisch nach Möglichkeiten gesucht wird, was gemeinsam getan werden und wie die Gemeinschaft vorangetrieben werden kann. Häufig sind in solchen Gemeinden konfessionsverbindende Paare Motoren des Miteinanders, weil sie wirklich als Chance und nicht als Last, als Vorreiter und nicht als Störfall gelten. Der Grundsatz, alles was gemeinsam getan werden kann auch gemeinsam zu tun, ist zumindest als Vision erkennbar. Als Nahziel der gesamten Ökumene müssen derartige Gemeinden angestrebt werden, schon alleine um der interkonfessionellen Paare willen.

9.6. Versöhnte Verschiedenheit

Die versöhnte Verschiedenheit ist derzeit das allerorts durchgekaute Zielmodell der Ökumene. "Alles, was gemeinsam möglich ist, auch gemeinsam tun" ist sicherlich ein wertvolles Ziel und betont auch in der Verkündigung in der Welt die Gemeinschaft der Christ. Es bleibt allerdings die Frage, was möglich ist. Eine Trennung der Christen am Tisch des Herrn müsste angesichts der Gemeinschaft stiftenden und dokumentierenden Bedeutung des Herrenmahls Teil dieser versöhnten Verschiedenheit sein, ohne sie ist das Modell wertlos angesichts dessen, was heute vielerorts Gott sei Dank in der Ökumene schon möglich ist. Die versöhnte Verschiedenheit setzt in der Tat voraus, dass jede Theologie ihre Begrenztheit angesichts der Größe des dreieinigen Gottes, jede Kirchenordnung ihre Vorläufigkeit und jede Gemeinde ihre Unvollkommenheit angesichts einer Trennung der Christen vor Ort bekennt. Als mittelfristiges Ziel ist dieses Modell sicher angebracht, es wird aber - um die Problemfelder Taufe und Gemeindebezug zu benennen - den Anforderungen, die sich aus der Existenz interkonfessioneller Paare und Familien ergibt, letztlich nicht gerecht: Denn auch in diesem Modell bleibt die Taufe mit der Frage der Zugehörigkeit zu einer Konfession verbunden und ist so eben nicht das, als was sie von allen taufenden Konfessionen verstanden wird: Die eine Taufe, das eine Sakrament. Und dort, wo vor Ort noch organisierte Verfasstheiten von Christen nebeneinander bestehen, wird gerade für konfessionsverbindende Paare und Familien immer der Spagat bleiben, wird Gemeinde als Heimat der Christen vor Ort für sie nicht erfahrbar.

9.7. Eine Konfession (nicht eine Kirche)

Als der Fuchs gefragt wurde, warum er die schönen Weintrauben nicht isst, die in unerreichbare Höhe zu hängen scheinen, antwortete er: "Sie sind mir zu sauer". So ähnlich geht es unseres Erachtens zur Zeit bei der Frage nach einer vollen Gemeinschaft der Christen zu. In der Tat, sie scheint im Augenblick unerreichbar, aber volles Zeugnis der Gemeinschaft aller Christen und volle Ausrichtung der ökumenischen Zielsetzungen an dem Paradigma der internkonfessionellen und der konfessionsverbindenden Ehe setzen eine Gemeinde der Christen vor Ort voraus. Die Steine auf diesem Weg scheinen unüberwindbar. Auch fehlen Zielmodellen für eine solche ökumenische Christengemeinde. Gerade um des Rufs Christi zur Einheit willen, sind wir aber aufgerufen, Visionen dieser echten Einheit zu entwickeln, zu pflegen und umzusetzen. Dies kann aus unserer eigenen Kraft nicht geschehen. Als Christen vertrauen wir aber darauf, dass Gott auch Unmögliches möglich machen kann, wo es seinem Willen entspricht und wir darum beten. Lasst uns gerade als konfessionsverbindende Paare dazu stehen!

10. Hausaufgaben

Vor den genannten Szenarien und ihrer Wertung ergeben sich praktische Forderungen an die Konfessionen und die Theologie.

10.1. Die Einseitigkeit der Kritik an der römisch-katholischen Konfession

Wo ökumenisch-theologische Forderungen gestellt werden, steht schnell die römisch-katholische Konfession alleine im Schussfeld. In der Tat: etwa bei der Frage nach der Eucharistiegemeinschaft ist der Schwarze Peter mit berechtigten Anfragen schnell in Rom. Deshalb sollen hier bewusst die beiden anderen Konfessionsgruppen in Deutschland zuerst betrachtet werden.

10.2. Die reformatorischen Konfessionen und Landeskirchen

Eine Konfession, die sich vor allem durch Profillosigkeit auszeichnet, wie etwa die reformatorische Konfession in Deutschland, in deren Kirchenpraxis praktisch nichts mehr verbindlich ist, außer dem Einzug der Kirchensteuer, tut sich mit der Ökumene leicht - sollte man meinen. Doch gerade die Profillosigkeit führt dazu, dass vielerorts Antikatholizismus als Grundkennzeichen herhalten muss. "Wir wissen zwar nicht, was wir glauben, aber katholisch sind wir nicht" könnte heute das Bekenntnis der EKD lauten: Ein Beispiel ist etwa die Gegenerklärung zur Augsburger Erklärung über die Rechtfertigung, in der sich plötzlich Professoren einig sind, die sich ansonsten bekämpfen und die in einer Konfession, die noch nicht einmal über Kreuz und Auferstehung einen Minimalkonsens erreichen kann, die Theologie der Confessio Augustana voraussetzen. Weiter kann Realitätsverlust kaum gehen. Dies reicht vielfach auch in die Gemeinden, wo mancherlei nur deshalb praktiziert wird, um zu zeigen, dass wir nicht katholisch sind. Im Rahmen einer evangelischen Mitarbeiterfeier mit Abendmahl bat ich/mein Mann am Mikrophon darum, doch die Reste von Brot und Wein aufzuessen, als Zeichen der Liebe zu den anwesenden Katholiken. Die Reaktion eines Professors der Kirchengeschichte bestand in der Belehrung, dass dies nach lutherischem Abendmahlsverständnis doch nicht nötig sein, ein weiterer Uni-Dozent quittierte das ganze mit spöttischen Bemerkungen.

Gleichzeitig zeichnet sich der eher linke Flügel in der reformatorisch-römisch-katholischen Ökumene vielfach durch Lieblosigkeit, Gedankenlosigkeit, Unwissenheit und Desinteresse aus. So etwa die nach eigenen Angaben 'äußerst ökumenische' Bischöfin Käßmann aus Hannover, die als eine der ersten Aussagen nach ihrer Amtseinführung nichts anderes zu sagen hatte, als "Warum nicht Brot und Wein beim Abendmahl durch die Palmenfrucht ersetzen, wenn Kokosnüsse den Afrikanern näher sind?" Dies ist evangelischerseits theologisch durchaus vertretbar. In der heutigen Situation fördert es aber nicht die Ökumene vor Ort, sondern bestärkt die römisch-katholischen Ressentiments. Und wenn - wie in der Nähe von Tübingen geschehen - bei einem gemeinsamen Abendmahl der evangelische Pfarrer mit der Brötchentüte unter dem Arm angetrabt kommt, darf man sich nicht wundern, wenn hauptamtliche Mitarbeiter der römisch-katholischen Partnergemeinde, die an die äußersten Grenzen des irgendwie möglich gehen, auf einen solchen Affront betroffen reagieren.

Sicher: Bei der Verteidigung des ,Priestertums aller Gläubigen' müssten die evangelischen Christen streiten - was sie angesichts des praktizierten Pfarrerkults aber vielfach nicht tun. Aber viele Handlungen sind theologisch völlig unnötig und verletzen das römisch-katholische Gegenüber unnötig. Und das Desinteresse in weiten Bereichen der reformatorischen Konfessionen wirkt sich natürlich negativ auf die interkonfessionellen Paare aus: So bleibt der Auftrag, Ökumene auch vor der Haustür wahrzunehmen und Gemeinschaft nicht nur entweder in der evangelischen Allianz oder aber in der Politik zu suchen.

10.3. Die Freiwilligkeitskonfessionen

"Der Allianz geht's gut": Diese ist eine typische Antwort im freikonfessionellen Raum auf die Frage nach der Gemeinschaft der Christen. Und in Gemeinden, die auch durch ihre geringe Größe eine sehr enge Verbindlichkeit aber eben auch soziale Kontrolle haben, stehen interkonfessionelle Partner - besonders, wenn sie römisch-katholisch sind - häufig unter massiven Konversionsdruck, weil die Existenz von Christen in der römisch-katholischen Konfession von manchen Gruppen mehr oder weniger ausgeschlossen wird. Und auch die eigentlich positive hohe Verbindlichkeit kann Probleme mit sich bringen, etwa wenn der freikonfessionelle Partner jeden zweiten Sonntag in den Gottesdienst seines Partners geht. Gerade in Denominationen, in denen die Erwachsenen-Taufe nahezu dogmatischen Charakter hat, scheitern sogar Partnerschaften daran, dass dem Partner ein Akt aufgedrückt werden soll, den dieser als "Wiedertaufe" wertet. Dabei gibt es natürlich von Denomination zu Denomination und von Gemeinde zu Gemeinde große Unterschiede. Es besteht einerseits eine starke Tendenz zu kleinen Kuschelmuschel-Wohlfühl-Gemeinden, die gerne unter sich sind. Andererseits findet oft eine Fixierung auf Einzelpunkte wie Erwachsenen-Taufe, Geistes-Taufe, Zungenreden und andere Charismata statt. Dies sorgt schnell für das Gefühl der Ausgrenzung. Angemerkt sei aber auch, dass beispielsweise viele Gemeinden der Evangelisch-Methodistischen Konfession in Württemberg dazu beitragen, dass dort Ökumene sehr häufig von drei Partnern getragen wird. Es bleibt die Ermahnung, dass Gott dort wo Leben, Kreuz und Auferstehung Jesu Christi Lebens-Mittelpunkt sind, einen sehr viel weiteren Horizont haben kann, als viele freikonfessionelle Gemeinden. Ein wenig mehr von der Fähigkeit des Mannes aus Nazareth, auf die verschiedensten Menschen unterschiedlichster Überzeugung zuzugehen, würde den interkonfessionellen Paaren das gemeinsame Christen-Leben erleichtern.

10.4. Die römisch-katholische Konfession

Viele Hausaufgaben für die römische Konfession sind bereits angeklungen. Um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Ehescheidung am Tisch des Herrn ist ein Skandal. Und es muss im Sinn des Auftrags zur Einheit der Christen die Bereitschaft wachsen, den Dissens im Amtsverständnis anders zu lösen, als durch eine römische Eingliederungs-Ökumene: Rom muss von dem Gedanken des Ökumenismusdekretes I/3 Abschied nehmen, "nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, welchem alle völlig eingegliedert werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören."

10.5. Die orthodoxen Konfessionen

Da wir bewusst - um den Rahmen nicht zu sprengen - aus einer deutschen Perspektive reden, sei hier nur kurz erwähnt, dass sich die an die römisch-katholische Konfession gestellten Fragen im Dialog mit den orthodoxen Konfessionen drastisch verschärfen.

11. Zusammenfassung

Wir können die Folgerungen dieser Gedanken wie folgt zusammenfassen:

11.1. Interkonfessionelle Ehen sind vor Gott christliche Ehen wie jede andere.

11.2. Deshalb geschieht Schuld, wo diese Paare besonderen Belastungen ausgesetzt sind.

11.3. Die gespalten lebenden Konfessionen versündigen sich an den interkonfessionellen Paaren, weil sie den Willen Gottes zur Einheit nicht erfüllen.

11.4. Daraus folgt die Verpflichtung, alles nach Kräften Mögliche zu tun, um interkonfessionellen Paaren das Leben in den Konfessionen zu erleichtern.

11.4.1. Diese Verpflichtung betrifft insbesondere die Gemeinschaft am Tisch des Herrn.

11.5. Dieses Ziel wird erst dann erreicht sein, wenn eine vollständige Einheit der Christen auch organisatorisch erfolgt.

11.6. Die vollständige Einheit der Christen muss deshalb das klar erkennbare End-Ziel aller ökumenischen Bemühungen sein.

12. Die Bedeutung der konfessionsverbindenden Ehe für die Ökumene: Konfessionsverbindende Paare als Propheten der Einheit.

Wo Kirche durch das Nahziel des begrenzten Miteinanders, das mittelfristige Ziel der versöhnten Verschiedenheit und das Grundsatzziel einer echten Einheit wächst, dort kann konfessionsverbindende Ehe in immer größerer Selbstverständlichkeit, mit immer weniger Sonderbelastungen leben. Sie hat durch den gelebten Alltag der Hauskirche eine besondere Aufgabe bei der Weitergabe des einen Glaubens an Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Denn eines ist gewiss: Als konfessionsverbindende Paare gilt uns das Gebet Jesu Christi 'Ich bitte, dass sie alle eins seien' in besonderer Weise. Wir sind berufen, Zeugen, Mahner und Propheten dieser Einheit zu sein, damit die Welt glaube.

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