Du sprichst anders als ich

Erfahrungen konfessionsverbindender Paare und Familien:

Theologisches Statement auf dem 2. Kongress für kommunikatiive Theologie am 18. November 2005

„Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein - oder er wird nicht sein!“ So sagt es der große römisch-katholische Konzils-Theologe Karl Rahner. Mit dieser Vorgabe möchte ich neben der Suche nach verbindenden oder trennenden Worten und Symbolen existenzielle Erfahrungshorizonte zur Mitte unserer Suche nach dem Trennenden und Verbindenden der religiösen Sprache machen. Denn der Ausgangspunkt lebendiger Religion ist die Erfahrung des ganz Anderen und dessen Anerkennung als Maßstab. Eines Maßstabs, dessen existenzielle Grundlage die physische wie psychische Dimension des materialistischen Weltbildes sprengt.

Dies ist abzugrenzen und steht in Ernsthaftigkeit, Konsequenz und Kontinuität des Bemühens sogar im Gegensatz zu häufig verkommerzialisierten und an Effekten aus­gerichteten esoterischen Bemühungen. Wo Menschen die Selbst­relativierung einer solchen recht verstandenen Mystik teilen, haben sie eine gemeinsame Lebensgrund­lage. Und diese kann sogar in der Betroffenheit, die sie auslöst, suprakulturell sein, kulturelle Gegensätze sprengend. Wenn ich hier als Vertreter von „Netzwerk Öku­mene: konfessionsverbindende Paare und Familien in Deutschland“ spreche, dann beschreibt diese Erfahrung die Grundlage des „Konfessionsverbindenden“. Diese Erfahrung muss sich aber ausdrücken: In der Kommunikation des Lebensvollzugs, die in Wort und Tat erfolgt. Und dazu reicht – zumindest dort, wo ein verbindliches Mitein­ander nötig ist - eben nicht die schwäbische Feststellung: „Do isch ebbes“. Dies gilt bereits im sozialen Miteinander. Dies gilt umso mehr in der religiösen Gemeinschaft. In Ehe und Familie als dem grundlegenden, lebenslänglichen und verbindlichen Mitein­ander zur Zukunftssicherung der Gesellschaft bedarf es der gemeinsamen Auslegung einer verbindlichen Lebensgrundlage in besonderer Weise.

Ob diese nun pragmatisch oder existenziell formuliert ist: Maßstab für den Wert dieser gemeinsamen Auslegung ist die Bewährung im Alltag:: „Wie weit bestimmt religiöse Wirklichkeit den Alltag?“ Wo beide Partner ihren Glauben bewusst leben, haben sie damit die Chance, aus der gemeinsamen verbindlichen Erfahrung des ganz Anderen zu leben. Diese Verbindlichkeit führt aber dort zum Konflikt, wo keine alltags­taugliche gemeinsame Auslegung dieser Entsprechungen gefunden wird. Diese hat eine mystische und eine theologische Dimension: Wie weit reden wir von kompati­blen Erfahrungen des ganz Anderen? Und: Haben wir die notwendigen Denk- und Kommunikationswerkzeuge, um so verbindliche Gemeinschaft im Alltag zu leben? Im deutlichen Unterschied zu interreligiösen oder religiös-areligiösen Paaren haben interkonfessionelle Paare sehr gute Chancen der Erfahrungs-Kompatibilität und der gemeinsamen Kommunikations-Werkzeuge:

Ich möchte dies mit einem dreifachen Anspruch und Zuspruch beschreiben, der sei­nen Ausgangspunkt im Neuen Testament hat: Die Solidarität des in der Krippe herun­tergekommenen Gottes. Die radikale Vergebung des Gekreuzigten. Die alles umfassende Lebenshoffnung der Auferstehung. Dies bewahrt nicht vor Abgrenzung durch historisch gewachsene Konfessionalismen und exegetische Traditionen. Doch die theologischen Gravamina gegenüber der jeweils anderen Konfession in Fragen der Rechtfertigungslehre, des Sakramenten-, Kirchen- und Amtsverständnisses haben nur wenige Auswirkungen im Alltag. Wer aber als katholischer Partner nach dem Umzug beim ersten Osterfrühstück gleich mit der Frage überfallen wird: „Wissen Sie Frau Beyer, mich interessiert halt: wie halten es die Katholiken mit dem Wort?“ der muss schon einige Pietisten kennen, um diese Frage überhaupt zu verstehen, näm­lich: „Welche Bedeutung hat die Bibel?“ Wer als evangelischer Christ eine Heiligenli­tanei hört, dem muss vermittelt werden: „Heiliger Martin, bitte für mich“. Das ist wie eine Fürbitte zu verstehen, um die ich einen guten Freund bitte.

Und wenn die liturgische Sprache des Hochgebets und die oft frei formulierten Bitten im evangelischen Gottesdienst zusammentreffen, so sind dies innerchristliche Sprach-Kulturen, die auf dieselbe Erfahrung reagieren und letztlich vom Inhalt her adäquat sind - auch wenn sie erst einmal völlig fremd erscheinen. Das Exsultet der Osternacht ist keine andere Aussage, als das Blasen von Auferstehungsliedern auf dem Friedhof. Und in der Vielfalt des biblischen Zeugnisses haben Christen immer einen gemein­samen Grundwortschatz: Der findet sich in der römisch-katholischen Liturgie ebenso wie im evangelischen Gesangbuch. Das Hören auf diese Einheit in der Sprachvielfalt lässt entdecken, dass es sich lohnt, die Barrieren konfessioneller Sprachkultur zu überwinden. Dies geschieht am besten dort, wo sich Christen bewusst auch am Leben anderer Konfessionen beteiligen.

Hier haben interkonfessionelle Paare die Chance konfessionsverbindend zu werden. Denn sie finden durch das gemeinsame Leben in zwei Konfessionen am ehesten hin­ein in beide Sprachwelten. Sie haben damit in eine Dolmetscherfunktion, die ins­besondere durch das biblische Zeugnis möglich ist. Dies setzt einen sensiblen und selbstkritischen Umgang mit konfessionellen Sprachmustern voraus, um das vor­handene Gemeinsame zu kommunizieren. In konfessionsverbindenden Ehen werden Glaube, Hoffnung, Liebe zum gemeinsamen Mittelpunkt, der durch den Lebensvoll­zug in Wort und Tat kommuniziert wird. Damit werden verschiedene Sprachkulturen als Ausdruck gemeinsam erfahrener Wirklichkeit erlebt. Dies ist ein entscheidender Beitrag zur Einheit der Christen und ein Paradigma, dass Verstehen möglich ist.

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