Was erwarten interkonfessionelle Ehen von den Konfessionen?

Gedanken aus dem Netzwerk konfessionsverbindender Paare und Familien

Erschienen in "Für Arbeit und Besinnung" - Pfarrerzeitschrift der ev. Landeskirche Württemberg

„Die konfessionsverschiedene Ehe ist doch kein Problem mehr.“ Diese Einstellung prägt heute vielfach Gemeinden und Pfarrämter. Mit Blick auf Geschichte und Gegenwart ist dies sicher eine Teilwahrheit, doch sie greift zu kurz. Gewiss: Wer die Zeit vor dem `ökumenischen Frühling` der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts im Blick hat, kann für eine deutliche Änderung der Situation nur dankbar sein: Heute stößt die Ehe über die Grenzen christlicher Konfessionen hinweg nur noch sehr selten auf direkte Ablehnung. Und doch: Auseinandersetzungen um die Form der Trauung, die Frage nach der Konfession der Kinder und die Diskussion um die Selbstverständlichkeit der gemeinsamen Teilnahme am Tisch des Herrn sind Indikatoren, dass diese Ehen sich noch immer als Problem erfahren müssen – obwohl sie schlicht und einfach Ehe zwischen zwei getauften Christen sind, die in ihrer geistlichen Wertigkeit nicht anders als andere christliche Ehepaare Teil der Gemeinde Christi sind.

Doch noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die Konfessionen diese Einsicht umsetzen: Nicht die interkonfessionellen Ehen sind ein Problem, sondern die Existenz konkurrierender oder coexistierender Gemeinschaften von Christen vor Ort. Dies ist erst einmal keine Schuldzuweisung in der Gegenwart. Doch das Nebeneinander von Gemeinden und Konfessionen ist das sichtbare Ergebnis von Schuld der Vergangenheit, wobei die Schuldzuweisung sicherlich vor dem Hintergrund der je eigenen Position sehr unterschiedliche Adressaten hat. Dem gegenüber steht der Auftrag zur sichtbaren Einheit. Er ist biblisch, aus den Bekenntnissen und auch auf der Basis neuerer verbindlicher Selbstverpflichtungen der christlichen Konfessionen wie der charta oecumenica begründet.

Das Miteinander von Christen unterschiedlicher konfessioneller Herkunft in der Ehe macht so eine Wirklichkeit von Kirche sichtbar, die zumindest Zielperspektive für die Zukunft der Christen ist. Dies wird in unterschiedlichen Dokumenten und Erklärungen der Konfessionen rezipiert, auch im römisch-katholischen Umfeld. So nennt beispielsweise das II. Vatikanische Konzil in Lumen Gentium 11 zu Recht jede Ehe unter Christen, also auch die interkonfessionelle, „eine Art Hauskirche“. Doch diese Erkenntnis zeigt bis heute zu wenig praktische Folgen, obwohl christliche Ehe über Konfessionsgrenzen hinweg Lebensgemeinschaft ist, die im Gegensatz zum Gemeindealltag die umfassende Gemeinschaft aller Christen in Christus sichtbar machen kann. Sie ist deshalb, wo sie bewusst gestaltet und nicht behindert wird, kein Problem sondern gelebtes Bild einer möglichen und erstrebenswerten Zukunft von Kirche. Dies kann einen prophetischen Auftrag an der Christenheit begründen.

Natürlich lebt nicht jede Ehe so, in der Christen unterschiedlicher Konfessionen verbunden sind. Deshalb ist es hilfreich, zwischen konfessionsverschiedenen und konfessionsverbindenden Ehen zu unterscheiden und beide unter dem neutralen Attribut interkonfessionell zusammenzufassen. Der Begriff ‚Mischehe’ kann dagegen heute nur noch als Diffamierung empfunden werden. Doch die Frage nach Problemen stellt sich immer an die Konfessionen, auch wenn deren Existenz eine - notwendige - gelebte Antwort auf die Schuld der Spaltung ist. Denn indifferente, konfessionsverschiedene Paare unterscheiden sich nicht grundlegend von vergleichbaren konfessionshomogenen Ehen. Wo dagegen die unterschiedliche christliche Glaubensheimat der Ausgangspunkt von Differenzen innerhalb der Ehe ist, wird nur die Wirklichkeit konkret, in der die Partner ihren Glauben entdeckt haben. Konfessionsverbindende Paare schließlich müssen mit vielfältiger Last leben, die auch zum Leiden an den Mitchristen werden kann. Dieses Leid hat seine Ursache in der Spaltung der Christen.

Um Stimme der konfessionsverbindenden Paare und Familien zu sein, wurde 1999 „Netzwerk Ökumene: konfessionsverbindende Paare und Familien in Deutschland“ gegründet (www.netzwerk-oekumene.de). Es bündelt vielfältige regionale, nationale und internationale Aktivitäten, in denen konfessionsverbindende Ehen schon seit vielen Jahrzehnten zu Wegbereitern der christlichen Einheit geworden sind, und führt sie fort. Netzwerk Ökumene berät und informiert betroffene Paare, bestärkt sie im ökumenischen Engagement und repräsentiert deren Erfahrungen gegenüber den Konfessionen und in der Öffentlichkeit. Durch die Zusammenarbeit mit vergleichbaren Organisationen anderer Länder ist Netzwerk Ökumene auch Teil des weltweiten Strebens nach der Einheit der Christen – was zuletzt auf der II. Weltkonferenz konfessionsverbindender Paare und Familien in Rom im Sommer 2003 auch ganz konkret sichtbar wurde. Auf dieser Ebene erfolgt auch der Dialog mit dem „Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen“. Schließlich möchte das Netzwerk Gegenüber der Verantwortlichen in den Konfessionen sein, damit die Chance der konfessionsverbindenden Ehe ihren Ort in der Kirche findet. Wir sind dankbar, dass der evangelische Landesbischof in Württemberg, Dr. Gerhard Maier gemeinsam mit dem Diözesanbischof von Rottenburg Dr. Gebhard Fürst und dem inzwischen emeritierten evangelisch-methodistischen Bischof Dr. Walter Klaiber die Patenschaft für diese Arbeit übernommen haben.

Vor diesem Hintergrund stand die diesjährige Jahrestagung von Netzwerk Ökumene in Schorndorf, die auch von den Bischöfen Maier und Fürst mitgestaltet wurde. Die Erwartung jener interkonfessionellen Paare, die ihre Situation bewusst wahrnehmen und leben, die also konfessionsverbindend sind, ist eindeutig: „Wir möchten deshalb die unterzeichnenden Kirchen der Charta Oecumenica an ihre Selbstverpflichtung erinnern, füreinander zu beten und alles gemeinsam zu tun, was nicht getrennt getan werden muss. Und dies ist bereits heute sehr vieles! So können Christen in der Gesellschaft ihre Gaben und Kräfte bündeln und ein lebendiges Zeugnis von Jesus Christus leben, das überzeugender ist als jeder Konfessionalismus“, so die Abschluss-Erklärung. Denn nur mit dieser Perspektive einer „versöhnten Verschiedenheit unter einem gemeinsamen Dach“ kann eine Situation entstehen, in der konfessionsverbindende Ehen nicht mehr in Gefahr sind, dass ein Partner seine geistlichen Wurzeln abschneiden soll, dass beide durch eine doppelte Gemeindezugehörigkeit überlastet oder heimatlos werden. In einer solchen Christenheit wird erfahrbar, dass beide gemeinsam Teil der ecclesia una, sancta, catholica et apostolica sind, in besonderer Weise zu deren Sichtbarkeit beitragen können und zeigen, dass Versöhnung lebbar ist.

Sicher ist dies mit dem Verweis auf die grundlegenden Differenzen im Amts- und Kirchenverständnis keine kurzfristige Perspektive. Und dieses ist ja der eigentliche Kern der Diskussion um das Herrenmahl, die insbesondere auf dem Rücken konfessionsverbindender Paare ausgetragen und vielfach auf der Grundlage römisch-katholischer Vorschriften zur Ehescheidung am Tisch des Herrn führt. Doch hier ist durchaus eine –wenn auch nicht einheitliche Bewegung katholischerseits im Gange – etwa wenn Kurienkardinal Walter Kasper auf dem Katholikentag in Ulm die Priester aufforderte, pastorale Spielräume in dieser Frage zu nutzen. Um so für kurzfristige Erleichterungen Raum zu schaffen, sind schon heute beide Seiten gefordert, auf Formen zu verzichten, die den ökumenischen Partner unnötig verletzen: Evangelischerseits sollte hier verstärkt eine Praxis des reinen Tischs angestrebt werden, sodass sich nach dem Abendmahl die Frage eines angemessenen Umgangs mit den Resten erst gar nicht mehr stellt. Ein weiteres Zeichen, das ohne Verlust evangelischer Prinzipien möglich wäre, ist der Verzicht auf solche Formen so genannter „Feierabendmahle“, bei denen die Grenze zwischen Abendmahl und Sättigungsmahlzeit fließend wird. Auch katholischerseits könnte eine verstärkte Praxis des reinen Tischs den Verzicht auf die Nutzung Tabernakels ermöglichen, die insbesondere bei Kommunion-Feiern ohne Einsetzungsworte für viele evangelische Christen äußerst fragwürdig ist. Das Gleiche gilt für die Verwendung der Monstranz, da sie die Verfügbarkeit des Leibes Christi unabhängig vom Wort und vom Glauben manifestiert und so den status confessionis zelebriert. Solche Schritte können von beiden Seiten ohne Verletzung eigener Prinzipien aus Liebe gegangen werden. So kann eine Praxis des Vertrauens wachsen, welche die Fragen der Theologie neu stellt. Der Dialog zwischen den Seelsorgern vor Ort könnte hier Brücken bauen.

Überhaupt stellt der adäquate Umgang mit interkonfessionellen Ehen eine zusätzliche Belastung für Seelsorger dar. Denn wo beide Partner noch ein wie auch immer geartetes Verhältnis zu ihrer Konfession haben, sind die gängigen Formen und Rituale des Gemeindelebens anlässlich der Lebenswenden ebenso wenig selbstverständlich wie die Einordnung in den Gemeindealltag. Dies kann als Last oder Chance empfunden werden – viele Gemeinden sehen insbesondere auch die Chance des Konfessionsverbindenden – es stellt Ansprüche an Gemeinde und Gemeindeleitung, angefangen mit der `ökumenischen` Trauung. Sie ist durch die nötige Koordination aufwändiger. Vielfach wird darauf mit der Unterstellung reagiert, ein solches Paar wolle es nur besonders feierlich. Doch die Ursache für diese wie für andere Lasten ist die Spaltung der Kirche, nicht der verständliche Wunsch, dass die konfessionelle Heimat beider Brautleute in der Trauung seinen Ort findet. Dies gilt auch im Gemeindelalltag, wo neben einer möglichen Ablehnung die Falle des Erdrückens durch Umarmung lauert: Warum der Angehörige der anderen Konfession denn noch dieser angehört – wo er doch in der Gemeinde seines Partners so herzlich aufgenommen wird. So liebevoll dies gemeint sein kann: Gerade in dieser Umarmung hin zur stillen oder offiziellen Konversion drückt sich eine massive Konfliktscheu aus, welche die Schuld der Spaltung auf diesem Weg aus den Augen und aus dem Sinn bringen will. Als Normalfall ist jede Gemeinde gut damit beraten, den Partner der anderen Konfession in aller Offenheit anzunehmen, aber seine Konfessionszugehörigkeit trotzdem ernst zu nehmen. Umgekehrt: Gute Seelsorge ist es, den anderskonfessionellen Partner zu ermutigen, seine eigenen Wurzeln durch wie auch immer geartete Kontakte zur Heimatkonfession zu pflegen – damit er diese nicht verliert sondern seine anders gearteten Glaubens- und Lebenserfahrungen als Bereicherung einbringt.

In der Frage von Taufe, Konfessionszugehörigkeit und Erziehung der Kinder wird dagegen das Neben- oder gar Gegeneinander der Konfessionen zwangsläufig erfahrbar. Dies ist umso dramatischer, als die Taufe doch das gemeinsame Sakrament der Christenheit ist. Die manchenorts diskutierte Praxis einer doppelten Konfessionszugehörigkeit greift zu kurz, da sie die Trennung auch für kommende Generationen manifestiert und als Spaltung in die Familien trägt, statt die Konfessionen zueinander zu bewegen. Aus der Erkenntnis, dass die Trennung der sichtbaren Kirche dem Auftrag Christi widerspricht, während die interkonfessionelle Ehe ohne Einschränkung christliche Ehe in voller Wertigkeit lebt, kann es nur eine Folgerung auf diese Frage geben: Dass die Konfessionen einen Zustand anstreben, in dem es nur eine Mitgliedschaft und eine Gemeinschaft der Christen vor Ort gibt, in der aber eine Vielfalt im Glauben lebbar ist, solange Leben, Tod und Auferstehung von Jesus Christus Mitte des Lebens für jeden Christen sind. Dieser Anspruch kann sicher zu ganz unterschiedlichen Schwerpunkten des gelebten Glaubens führen. Er zeigt aber auch notwendige Grenzen der Kirche auf. Dies mag für die evangelischen Konfessionen eine verunsichernde Verbindlichkeit sein, während es für die römisch-katholische Konfession eine ebenso verunsichernde Freiheit beinhaltet. Der Weg dahin ist aber lohnend, weil so aus dem Anspruch der Einheit in einem langfristigen Prozess zunehmende sichtbare Einheit wachsen kann, die wir als Menschen sicher nie vollenden werden. In diesem Prozess können die konfessionsverbindenden Paare einen prophetischen Auftrag haben. Dass ein solcher Auftrag auch mit Leiden verbunden sein kann, ist Teil der Wirklichkeit, in der wir leben. Doch konfessionsverbindende Paare können eines von den Konfessionen erwarten: Dass diese sich mit aller Kraft um die Einheit bemühen, damit jedes dieser Paare die Gewissheit hat, dass die Konfessionen ihre Schuld anerkennen und daran arbeiten, die „versöhnte Verschiedenheit unter einem gemeinsamen Dach“ zu verwirklichen, damit die Welt glaube.

Jörg Beyer

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